PCB in der Pädagogischen Fakultät: Interview mit Angelica Maria Kappel(Bündnis90/DIE GRÜNEN)
26. November 2009 | Von Diana | Kategorie: Artikel
Mittlerweile ist einhellig bekannt, dass das Universitätsgebäude an der Römerstraße der Universität Bonn PCB-verseucht ist. Die Universität versichert in einem offiziellen Schreiben, dass – so wörtlich – der Mensch die krebserregende Chemikalie kaum über die Luft, sondern hauptsächlich über größere Mengen fetthaltiger Speisen aufnehme. Dennoch ist schwangeren und stillenden Frauen, sowie kleinen Kindern der Aufenthalt gänzlich untersagt. Wie gefährlich ist PCB also wirklich?
Ich bin keine wirkliche Expertin für Umweltchemie, habe mich aber auf diesem Gebiet etwas kundig gemacht. Richtig ist, dass es verschiedene Verbindungen der polychlorierten Biphenyle gibt, die sogenannten PCB-Kongenere. Aus der Luft werden eher die niedrig chlorierten PCB-Kongenere 28, 52 und 101 aufgenommen. Daher sind nur die Blutwerte für diese 3 Kongenere eigentlich relevant für die Beurteilung der Belastung. Die höher chlorierten PCB (138, 153, 180) werden vor allem durch die Nahrung aufgenommen und sind bei belasteten Menschen nicht wesentlich höher als bei unbelasteten. Die Aussagen der Universitätsverwaltung halte ich für eine Verschleierungstaktik. Es werden zwar PCB-Luftmessungen veröffentlicht, die Ergebnisse von Blutmessungen bei Mitarbeitern aber nicht weiter in Betracht gezogen und verharmlost. Mir liegt die Aussage eines betroffenen Wissenschaftlers vor, der angibt, dass nach mehrjähriger Tätigkeit im Hochhaus an der Römerstrasse eine erheblich erhöhte Konzentration von PCB-28 im Blut festgestellt werden konnte. Dabei wurde von einem Faktor 10 zum Durchschnittswert der unbelasteten Bevölkerung gesprochen.
Die Pressestelle der Universität hat uns darüber informiert, dass eine Reihe sog. „Sofortmaßnahmen“ eingeleitet wurde, zB wurden die Mitarbeiter angehalten, häufig zu lüften und bestimmte Fugen wurden versiegelt. Aus diesen Gründen bestehe – so die Universitätsverwaltung weiter – keine akute Gesundheitsgefahr. Was ist von dieser Aussage zu halten?
Davon halte ich wenig. Wie will man Räume ohne Fenster lüften? Bei den hoch belasteten Räumen, den Hörsälen, handelt es sich ausnahmslos um solche. Trotzdem werden dort mehrstündige Vorlesungen und Klausuren abgehalten. Vor allem bei Klausuren hat der Studierende nicht die Möglichkeit zwischendurch den Raum zu verlassen, um Luft zu holen. Des Weiteren ist in der Klausursituation der Sauerstoffbedarf besonders hoch, da das Gehirn stark gefordert wird, der Studierende atmet also besonders intensiv. Aber auch in den Räumen mit Fenstern ist Lüften keine Lösung. Im Winter wird einerseits wegen der niedrigen Temperatur weniger gelüftet, andererseits wird die Energie zum Fenster hinaus gelüftet. Da ist eine sofortige Sanierung auch wirtschaftlich die bessere Lösung.
Die Universität versichert, dass nur das Gebäude „Römerstraße 164“ belastet ist – sind auch die Hörsäle und die Mensa von der PCB-Belastung betroffen?
Es handelt sich meines Wissens nur um das Hochhaus im AVZ III, mit den darin enthaltenen Hörsälen und Seminarräumen. Vor allem sind die Wissenschaftler betroffen, die dort ihren Arbeitsplatz haben. Aber auch die Studierenden halten sich, vorrangig im Hauptstudium und in der Abschlussphase, viele Stunden dort auf.
Ist ein Abriss und Neubau, bzw. eine Sanierung geplant – wenn ja, bis wann werden die Arbeiten abgeschlossen sein?
Die Universitätsverwaltung hat einen „Hochschulstandortsentwicklungsplan“ vorgelegt, in welchem für den Fachbereich Informatik ein Neubau in Poppelsdorf vorgesehen ist. Die Planung verzögerte sich aber, nun wird von der Fertigstellung des Gebäudes in 2012 gesprochen – was schon sehr optimistisch ist! Die Sanierung des Hochhauses an der Römerstrasse ist meines Wissens noch nicht konkret terminlich geplant. Die Bezirksregierung hat aber die Nutzung des Gebäudes auf Ende 2010 begrenzt. Bis spätestens dahin müssen die Wissenschaftler dort ausgezogen sein. Es wäre jedoch nicht zumutbar, Wissenschaftler und Studierende noch mehr als ein volles Jahr in dem hoch belasteten Gebäude arbeiten zu lassen. Nach Meinung von B90/ „Die Grünen“ sollte das Gebäude umgehend geräumt werden! Das Gesundheitsrisiko ist so hoch, dass man niemandem zumuten kann, dort noch weitere Wochen zu verbringen. Von 2010 bis 2012 muss die Univerwaltung sowieso eine Interimslösung für die Informatiker finden – dann kann man das auch sofort in die Wege leiten! Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.
Nach Ihren Aussagen kommt es also zu Verzögerungen bei der Sanierung. Worin liegen die Gründe hierfür und wichtiger noch – wer ist verantwortlich hierfür?
Die Verantwortung liegt letztendlich beim Bau- und Liegenschaftsbetrieb (BLB) NRW. Der BLB gehören alle Liegenschaften der Universität Bonn, diese ist dort nur Mieterin. Eine Mieterin kann ihrem Vermieter gegenüber jedoch Rechte geltend machen, im Falle einer drastischen Schadstoffbelastung ist dies sicher angemessen. Ich vermute, dass ein großes Problem im mangelnden Problembewusstsein des BLB NRW liegt. Nun hat die Bezirksregierung die Notbremse gezogen und die Nutzungsgenehmigung für das Gebäude entzogen.
Nach unseren Informationen haben die Mitarbeiter der Universität einen Umzug in Notquartiere, bspw. in Container, abgelehnt. Wissen Sie etwas über diese Entscheidung?
Wer sitzt schon gerne in Containern? Provisorien sind leider oft sehr langlebig …Viele der jungen Wissenschaftler haben schon als Schüler und Schülerinnen in Containern gehockt und finden diese Situation nicht prickelnd. Das kann ich verstehen.
Welche Auswirkungen hat die Verseuchung der Gebäude auf die Lehre und Forschung im Hinblick auf den „Universitätsstandort Bonn“?
Meiner Meinung nach wird der Informatikstandort Bonn durch diese Situation nicht gerade gestärkt, um es freundlich zu formulieren. Die Zahl der Studienanfänger in der Informatik ist gesunken. Dies mag mit daran liegen, dass elektronische Studienführer im Internet vor den PCB-verseuchten Informatikgebäuden warnen! Siehe hierzu „Studienführer Informatik“, http://sfinf.fsinf.de/. In der Forschung sieht es nicht besser aus. Bei Berufungen ist nicht zuletzt auch entscheidend, welche Ausstattung einem Professor zur Verfügung gestellt werden kann. PCB-belastete Arbeitsräume sind sicher nicht sehr attraktiv. Junge Wissenschaftler wandern bei den gegebenen schlechten Arbeitsbedingungen gerne an attraktivere Hochschulen ab. Hier sei noch angemerkt, dass eine ganze Arbeitsgruppeseit dem Brand der Luftwäscher im Mai 2009 keine zumutbaren Arbeitsräume mehr hat. Sie arbeiten weitgehend jeder für sich im privaten „Homeoffice“ und haben im Altbau an der Römerstrasse nur ein Großraumbüro für das Allernötigste eingerichtet bekommen. Dass das nicht karrierefördernd ist, kann sich jeder vorstellen. Ich finde es ausgesprochen schade, dass die Informatik in Bonn derart als Stiefkind behandelt wird. Dabei handelt es sich um eine wirklich wichtige und erfolgreiche Disziplin, die sich im stark konkurrierenden wissenschaftlichen Umfeld der Region trotz der mangelnden Aufmerksamkeit der Universitätsleitung immer noch gut behauptet.
Kurzzeitig wurden sog. Raumluftwäscher aufgestellt, um die PCB-Verseuchung zu reduzieren – nachdem zwei der Geräte in Brand gerieten, wurden diese wieder entfernt. Nun laufen die Wäscher wieder. Die Messwerte sind oft dennoch weit über den Grenzwerten. Aus welchen Gründen?
Die Emissionsquelle, PCB-haltige Fugenmasse, ist weiterhin vorhanden. Es wurde nicht ursächlich dagegen vorgegangen, z.B. durch eine Sanierung. Durch die Luftwäscher wird eine rein oberflächliche Verbesserung der Luftkonzentration erreicht. Sobald die Luftwäscher abgeschaltet werden, steigen natürlich die Werte wieder, schließlich ist das PCB ja weiterhin vorhanden. Der einzig akzeptable Weg ist eine Komplettsanierung. Jeder Euro, der in zusätzliche Luftwäscher investiert wird, ist herausgeworfenes Geld – eine Wegwerfinvestition.
Protest gegen die Zustände an der Römerstrasse regt sich vor allen Dingen in den Reihen der Partei Bündnis 90 / „Die Grünen“ in Bonn. Warum vernimmt man so wenig von studentischer Seite?
Da kann ich nur Vermutungen anstellen. Es ist allgemein bekannt, dass das stark durchorganisierte Bachelor/Masterstudium den Studierenden wenig Gelegenheit gibt, sich politisch und gesellschaftlich zu engagieren. Die Studierenden sind auch nicht die Hauptleidtragenden, da sie sich meist nur vorübergehend an der Römerstrasse aufhalten. Betroffen sind vor allem die Wissenschaftler. Und diese haben in der Vergangenheit auch schon verschiedentlich auf ihre Situation aufmerksam gemacht.Ich freue mich jedoch, dass sich nun auch die Studierenden, sprich die Hochschulgruppe ghg campus:grün bonn, der Lage an der Römerstrasse annehmen!
Nach unseren Recherchen regt sich auch Protest von Seiten der Professoren. Erst im Juli dieses Jahres wurde es durch Drängen eines Professors durchgesetzt, dass die Gesundheit der Studierenden in gleicher Weise zu berücksichtigen sei, wie die der Mitarbeiter. Bis dahin spielte diese eine untergeordnete Rolle. Wie ist das zu erklären?
Es gibt eine verzwickte Sachlage auf dem Gebiet der Grenzwerte für Schadstoffe. Für manche Schadstoffe gibt es keine Grenzwerte, für manche nur für gewisse Kongenere, und es werden unterschiedliche Grenzwerte je nach Dauer der Belastung angesetzt. Das BLB hat sich lange mit der Haltung durchgesetzt, dass für Studierende nicht die normalen Grenzwerte anzusetzen sind, da diese sich nur stundenweise in den belasteten Räumen aufhalten. Dies war aber nicht haltbar. Schwangere und Kinder sind per se höher zu schützen. Und viele der Studierenden halten sich ganztägig in Laboren und PC-Pools auf, bzw. arbeiten mit ihren Tutoren in deren Arbeitsräumen. Letztendlich ist es meiner Meinung nach dicht an der Grenze zur Körperverletzung, wenn man Menschen, egal wen und wie lange, bewusst einem erhöhten Gesundheitsrisiko aussetzt.
Frau Kappel, wir danken Ihnen für das Gespräch.










[...] Schlagworte: Gefahr, PCB, Uni Bonn — Angelica Maria Kappel @ 11:53 Hier der Verweis auf ein Interview mit der GHG. Kommentar [...]
Haha, genau meine Meinung. Frohe Weihnachten, lass dich schoen beschenken heute Abend.